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Stern 1995: Schwein muss man haben
Seitdem aus dem netten Mädchen Esther Schweins die scharfe Rote aus der umjubelten RTL-Samstag Nacht-Show wurde, reissen sich die Fernsehproduzenten um sie. Ab Ende März ist sie auch in einer Krimiserie und im "Tatort" zu sehen - ganz ohne Faxen.
Die Tür knallt auf, ein Vieh stürmt rein, mit einer zerfetzten Ledersandale im Maul. "Aber Bolle", sagte die Besitzerin mild. Das faltige Ungetüm, müde geworden, vertreibt sie aus dem Sessel. Nun hockt Esther Schweins, 24, auf dem Perser, und ihr Hund schnarcht im Polstermöbel wie zehn Waldarbeiter. Wenn die Schöne mit ihren Biest durch Köln lauft, halten die Mütter schreiend ihre Kinder fest: "Solche Kampfhunde gehören verboten!" Dabei verhält es sich mit der Bordeaux-Dogge wie mit seiner Herrin: Beide werden völlig verkannt.
Bolle wirkt, las würde er täglich ein Baby vespern, ist aber harmlos wie ein Kalb. Und das Fräulein Schweins sieht nur Samstag nachts zwischen zwölf und eins so verrucht aus, als würde es die Männer rudelweise morden. Privat trägt sie lieber weite Wollpullover mit Zopfmuster und Birkenstock-Sandalen.
Wenn sie durch die Stadt geht, ungeschminkt, die Haare straff nach hinten gekämmt und den Mantel voller Hundehaare, "erkennt mich kein Schwein. Diese aufgemotzte Tante, die ich Fernsehen spiele", sagt sie, "die bin ich nicht".
Ob sie es mag oder nicht: Seit sie der preisgekrönten RTL-Satire-Sendung "Samstag Nacht" in ihrer Paraderolle "Kristiane Kacker" die rote Löwenmähne schwingt, gilt Esther Schweins als "das neue Sex-Symbole des deutschen Fernsehens" (Bild).
Bei ihren Anblick werden hartgesottenen Unterhaltungsredakteure hemmungslos. "So haben die flämischen Meister ihre gotische Madonnen gemalt: zart, langgliederig, endlose Hälse, auf denen der von rötlichen Haar unflammte Kopf wie eine Tulpe sitzt", schrieb der Cheflyriker der Freizeit Revue. Andere waren wortkarger, aber deutlicher: "Miss Dynamit", "Sexy Hexy", "Sexy Aushängeschild von RTL" "Sex pur, auf 1m74 Meter verteilt", "Die süsseste Versuchung, seit es Privatfernsehen gibt". Esther Schweins blättert fassungslos in den Artikeln: "Ist doch doof, plötzlich auf'n Schmollmund, ein Dekolleté und zwei Beine reduziert zu werden. Man hat mich doch engagiert für eine Titten- und Hinternnummer, verdammt noch mal."
Im wirklichen Leben spielt sie lieber mit ihrer Freundin Claudia "Griechenland". Das geht so: Man holt sich bei Aldi ein paar Flaschen Rotwein, macht es sich mit vielen Decken auf der Couch gemütlich, raucht eine Marlboro nach der anderen und zappt ein Wochenende lang durch die Programme, kichert wild und gibt seinen Senf zu jeder Frisur und jeder Figur.
Das Leben von Esther Schweins war auch früher eher unspektakulär. In Oberhausen geboren, in Viernheim aufgewachsen, die Mutter Fotografin, der Vater Orient-Teppichhändler ("streng, die alte Schule, nur sonntags wurde er komisch") - von der "sündhaft schönen Esther" merkte lang niemand was.
Bei den berüchtigten Schönheitswahlen in der Schule schaffte sie es nie unter die ersten drei. Die Jungs in der Klasse wollten von ihr immer nur das eine: "Sich bei mir ausweinen über ihre geplatzten Freundschaften". Auf Partys war sie die einzige, die nie was trank: "Ich glaube, ich war langweilig." Witze über ihren Namen ("Hallo Schweinshaxe!") ertrug sie geduldig, denn sie fand ihn "extravagant" (und hat sich bis heute standhaft geweigert, ihn zu ändern). Ob sie damals schon komisch war? "Überhaupt nicht." Aber eine Episode gibt ihr im nachhinein noch zu denken. Da spielte sie mit im Schülertheater, Tschechow, es war hochdramatisch: "Ich musste auf einem Sofa sitzen und heulen - und das Publikum lachte laut."
Nach dem Abitur jobbte sie in einem Fotostudio: "Als ich drei Wochen lang die wissen Ränder von den Passfotos abgeschnitten hatte, wusste ich: Das isses auch nicht." Sie ging auf die Schauspielschule nach Karlsruhe, wechselte nach Bochum - und scheiterte. Sie war viel zu beherrscht, kontrollierte eisern ihre Emotionen aus Angst, sie könnten etwas von sich verraten. Nach acht Monaten entliess sie der Direktor: "Mit uns beiden, das läuft nicht." Da hockte sie, 22 Jahre alt und tief deprimiert, im Ruhrpott und wusste nicht, "was das alles soll". Aber nach aussen zeigte sie wie immer nichts, war ganz die coole Esther.
Weil sie von irgendwas leben musste, nahm sie einen Job an in einem Freizeitpark in Bottrop. Für 2200 Mark netto musste sie die Leute dazu animieren, vor der Kamera eine Weisswurst zu essen oder in der "Raumschiff-Orion-Show" in Chor "Tschaka-tschaka" zu rufen. Ein 13-Stunden-Job. Der Freizeitpark ging gottlob pleite, und Esther Schweins fand einen neuen Job: Casting für Fernsehshows. Mit ihrer Freundin Claudia raste sie durch Deutschland und testete die Kandidaten, die "unbedingt mal ins Fernsehen wollten". Sie war bei einer Hausfrau im Schwäbischen, die ihre Rettiche mit der Nähmaschine rädelte. Sie war bei Ehepaaren, die sich für 500 Mark vor der Kamera ihre Seitensprünge gestehen wollten.
Sie empfing die Prominenten für die Talk-Shows, "ich nahm ihnen die Mäntel ab, gab ihnen ein Scheck und zeigte, wo man Pipi macht". Spät in der Nacht lernte sie zu Hause Maria Stuart auswendig und träumte davon, mit Minetti auf der Bühne des Schiller Theaters zu stehen. Bis eines Tages die Leute von der "Samstag Nacht"-Show anriefen: Dem Produzenten Jacky Drechsler war das schöne Fräulein Schweins bei der Kandidatenbetreuung der Mike-Krüger-Show aufgefallen. Dann ging alles so schnell, dass "ich gar nicht mehr wusste, wer ich eigentlich bin". Im Mai 1993 wurde die erste Sendung aufgezeichnet, im September bekam Esther Schweins die ersten Heiratsanträge: "Es ist tragisch, was Männer für einen Quatsch schreiben, wenn sie ein bisschen Bein von dir im Fernsehen gesehen haben."
Heute, vierzig Sendungen und zwanzig Heiratsanträge späte, ist Esther Schweins dank der "Samstag-Nacht"-Show das, was sie werden wollte: eine Schauspielerin. Inzwischen landen in ihrem schlecht funktionierenden Fax so viele Filmangebote, dass sie meist nur absagt. "Ich will kein Klischeeweiber spielen." Zugesagt hat sie beim Hessischen Rundfunk. Im "Tatort: Mordnacht" spielt sie die schöne junge Frau eines älteren Kunstauktionators (Klausjürgen Wussow), der Angst hat, sie an einem jüngeren Rivalen zu verlieren. Er lässt sie von einem Privatdetektiv überwachen. Es passiert, was passieren muss: Die beiden verlieben sich und werden, weil es ein "Tatort" ist, deswegen umgebracht. Aber von wem? Auflösung am 26. März um 20.15 Uhr im Ersten.
Ende März läuft auf RTL auch die neue, eigenproduzierte Krimiserie "Hopper" an, in der sie die junge Rechtsanwältin Carola spielt. Sechs Folgen lang muss sie ihren Freund, den reichlich chaotischen Detektiv Mark Hopper, aus tausend Gefahren befreien. In ihren schwachen Stunden träumt sie davon, den feschen Draufgänger zu heiraten. Und in ihren starken Stunden ist sie froh, dass nichts daraus wird.
Und die ganz grossen Träume der Esther Schweins? Das Schiller Theater ist eh' zu, Minetti ist neunzig. Aber die Maria Stuart lernt sie immer noch. Schliesslich hat Schiller nirgendwo vorgeschrieben, die müsste klein, fett und bucklig sein.
Claus Lutterbeck
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